Handeln mit China, trauen Sie sich!

Vor wenigen Wochen war ich für vier Tage in China um verschiedene Lieferanten zu treffen und den Markt besser kennenzulernen. In diesem Blog möchte ich gerne meine Erfahrungen mit Ihnen teilen, da ich der Meinung bin, dass mehr Unternehmer diesen Weg einschlagen sollten. Es ist nichts neues, dass die Einkaufspreise in China um ein vielfaches niedriger sind, als zum Beispiel in Europa oder Nordamerika. Dazu kommt, dass es heutzutage wesentlich einfacher ist, mit Chinesen ins Geschäft zu kommen als noch vor 10 Jahren. Die meisten Chinesen sprechen gutes Englisch und sogar die Straßenschilder sind mittlerweile meist zweisprachig. Ein Tipp vorweg: nutzen Sie Apple Karten, da Google Maps in China blockiert ist.

Wie findet man den richtigen Lieferanten in China?

Zugegeben, den richtigen Lieferanten zu finden ist nicht sehr einfach, aber zum Glück gibt es Webseiten, die dabei helfen können, wie zum Beispiel Globalsource oder Alibaba.
Persönlich nutze ich am Liebsten Alibaba um vertrauenswürdige Lieferanten zu finden. Bei Aliexpress finden Sie hauptsächlich Lieferanten, die gut an den angebotenen Produkten verdienen.
Während meines Trips war ich gezielt auf der Suche nach iPad Halterungen für unsere Lightspeed Kassensysteme. Bei Alibaba kann man einfach ‘POS stand’ eingeben und erhält dann eine lange Liste mit zahlreichen Lieferanten. Ab hier ist es wichtig eine gute Auswahl zu treffen; Sie möchten eine Fabrik finden, keinen Zwischenhändler. Während der Suche ist es gut zu wissen, welche Region in welche Produkte spezialisiert ist. In Hong Kong tümmeln sich beispielsweise hauptsächlich Lieferanten, während die Fabriken sich eher im Inland Chinas befinden. Die Städte Shenzhen und Guangzhou sind eher auf Gadgets und Elektroartikel spezialisiert, die Region um Yiwu auf Kleidung und rund um Xiamen findet sich alles was mit Großmaschinen und Schiffbau zu tun hat. Nutzen Sie die Filter um Ihre Suche einzugrenzen.

Alibaba Goldsupplier

Alibaba zeichnet seine Lieferanten mit verschiedenen Trustmarks aus. Achten Sie hier besonders auf das ‘Gold Supplier X years’ Zeichen. Persönlich achte ich sehr darauf, dass ein Lieferant seit mindestens 4 Jahren Gold supplier ist. Das sind dann meist die Unternehmen, die keine Starter sind, aber noch klein genug um auch in kleinere Bestellmengen interessiert zu sein. Bei der Beschreibung im Profil des Zulieferers können Sie sich über minimale Bestellmengen und Zahlungsbedingungen informieren.

Beispiele

MOQ = Mindestbestellmenge (Minimum Order Quantity)
T/T = Banktransfer
FOB (city) = Free on Board (incoterms)
CIF = Costs insurance freight

Sobald Sie das Produkt gefunden haben, welches Sie suchen ist es wichtig den Lieferanten oder die Fabrik gut unter die Lupe zu nehmen. Meist sind die Fabriken auf ein bestimmtes Produkt spezialisiert. Nur selten wird es passieren, dass ein Fabrikant sowohl Elektroartikel als auch Kleidung produziert. Wenn mehrere Produkte (wie zum Beispiel die iPad Halterung, ein barcode Scanner und ein Drucker) vom gleichen Zulieferer angeboten werden handelt es sich meist um einen Zwischenhändler (trader). Ich versuche auch immer Produktionsvideos des Herstellers zu finden um sicherzustellen, dass es sich dabei auch wirklich um eine Fabrik handelt, in der die Produkte direkt hergestellt werden.

Mehr erfahren, wie Sie erfolgreich online verkaufen können?

Unsere Experten beraten Sie gerne.

Samples und Produktqualität

Im nächsten Schritt sollten Sie ein paar Samples bestellen. Fast alle Fabriken bieten diese Möglichkeit an. Perfekt für Sie, um die Qualität der Produkte und des Herstellers zu prüfen. Beim Anfragen eines Kostenvoranschlages per E-Mail (als pdf) können Sie die Samples/Tester direkt mit bestellen. In diesem Schritt wird der Fabrikant Sie nach Ihren Daten fragen. Adresse und Handynummer sollten genügen, um den Versand reibungslos abzuwickeln.

Vergessen Sie nicht, beim bestellen Ihrer Samples auch direkt Ihre Verpackungs-Wünsche anzugeben. Sie können Kleidung im Vakuum importieren oder Elektrogeräte in eine extra schützende Verpackung einpacken. Die meisten Fabrikanten haben damit Erfahrung und können Ihnen Fotos von den verschiedenen Optionen per Mail zukommen lassen. Sie müssen dann nur noch die gewünschte Verpackung auswählen. Das gleiche gilt, für eventuelle Brand oder Logo Wünsche auf der Verpackung. Der Fabrikant hat dafür meist schon Templates, die Sie dann in Photoshop oder Illustrator anpassen können.

Ich sorge immer dafür, dass meine Samples mit der Luftpost geliefert werden und füge CIF (Versicherung bis an die Türe) hinzu. Bitten Sie den Fabrikanten die Versandkosten in den Kostenvoranschlag mit aufzunehmen und seine eigene Versand-Kundennummer zu vermelden (DHL, DPD, UPS). Chinesen bezahlen im Allgemeinen (sehr) viel weniger für den Versand dank besserer Konditionen.

Sobald Sie den Kostenvoranschlag akzeptiert haben, müssen Sie meist den gesamten Betrag auf einmal bezahlen. Ich rate Ihnen dazu Western Union oder Internet Banking zu nutzen, dann wird die Zahlung direkt verarbeitet.

Jetzt heisst es warten auf die Samples. Sobald der Fabrikant diese verschickt hat, sollten Sie einen track & trace code per E-Mail erhalten, den Sie meist nach 24h nutzen können. Wenn das Paket bei Ihnen eingetroffen ist, werfen Sie die Lieferscheine nicht weg. Auf diesen Papieren befindet sich nämlich die Zoll-Abfertigungserklärung und deren Kosten. Jetzt wissen Sie genau welche Einfuhrabgaben auf Sie zukommen, und können Sie Ihren gesamt Einkaufspreis für Ihr Produkt genau ausrechnen.

Marktplätze in China

Wenn Sie mit der Qualität und Verpackung der Samples zufrieden waren und sich entschieden haben eine größere Bestellmenge zu ordern wird es Zeit den Fabrikanten persönlich kennenzulernen. Das ist kein Muss, ich kann es Ihnen aber sehr empfehlen. Planen Sie Ihre Reise nach China um die Fabrik zu besuchen mit der Sie diese Geschäftsbeziehung eingehen möchten. Es ist sehr hilfreich sich persönlich zu treffen und auf alle Fragen eine Antwort zu bekommen.

Es ist sehr hilfreich sich persönlich zu treffen und auf alle Fragen eine Antwort zu bekommen.

Denken Sie daran, dass Sie für alle Flüge nach China, außer nach Hong Kong, ein Visum benötigen. Heutzutage müssen Sie nicht mehr zur Chinesischen Botschaft, Sie können Ihr Visum online beantragen, alles was Sie dazu benötigen, sind Ihre Flugdaten und eine Kopie von Ihrem Reisepass. Sie erhalten Ihr Visum dann auf dem Postweg. Verzetteln Sie sich nicht beim Flug. Achten Sie darauf, dass Sie ein taktischen Flughafen anfliegen. Um Shenzhen und Guangzhou zu erreichen, fliege ich meist erst nach Hong Kong und reise von dort aus mit dem Zug weiter. Und um nach Xiamen oder Yiwu zu gelangen, fliege ich nach Shanghai. Ein Tag reicht völlig aus um den Fabrikanten zu besuchen, genug Zeit um sich kennenzulernen, die Fabrik zu besichtigen und danach das Geschäftliche zu besprechen.

Alle Lieferanten, die wir während unserer Reise besucht haben waren sehr freundlich, haben uns angeboten uns vom Flughafen abzuholen und haben sich viel Mühe gegeben uns Ihre Fabrik perfekt zu präsentieren. Wir haben jedes mal eine Tour vom Besitzer persönlich bekommen, bei der man uns den gesamten Produktionsablauf gezeigt hat. Wir konnten uns so selbst überzeugen, dass jedes Teil tatsächlich im Haus produziert wird, was die Kosten drückt und die Effizienz steigert. Meist sind wir nach einer ca. einstündigen Tour zum geschäftlichen Teil übergegangen. Jetzt geht es darum, sich alle Infos zu holen, die für die Geschäftsbeziehung und die Transaktionen wichtig sind.

Was sollten Sie unbedingt mit dem Hersteller besprechen?

  • Wie geht der Lieferant mit dem Thema Garantie um? Erhalten Sie zu jeder Bestellung kostenlose Ersatzprodukte?
  • Wie läuft die Qualitätskontrolle ab?
  • Für welche Firmen arbeitet der Lieferant bereits, und könnte man Exklusivität für eine bestimmte Region verhandeln?
  • Kann ein Teil der Produkte auf Kommission bestellt werden?
  • Wie sieht es mit den Zahlungs-Optionen aus? Kann ein Teil angezahlt werden, der Rest später?
  • Wie teuer wäre eine Lieferung über den Seeweg und wie würden sich die Lieferzeiten dann ändern?
  • Wie hoch ist die maximale Produktkapazität?
  • Wie stellt der Hersteller sicher, dass Sie Ihre Bestellungen weiterhin und pünktlich erhalten, auch wenn andere große Bestellungen beim Hersteller eingehen.
  • Welche Möglichkeiten zur Personalisierung und Maßanfertigung gibt es?
  • Gibt es pro Design eine Mindestbestellmenge?
  • Welche Bestellmenge kann zu welchem Preis geliefert werden?

Wenn alle Fragen gestellt und beantwortet sind, geht man noch gemeinsam Essen und stößt auf gute Zusammenarbeit an. Ab jetzt steht Ihrer Zusammenarbeit und Ihren Plänen nichts mehr im Wege. Und Dank des persönlichen Kennenlernens können Sie mit einem guten Gefühl loslegen.

Ruud Stelder

Ruud Stelder

Ruud Stelder ist Director of Global E-Commerce Revenue bei Lightspeed. Gemeinsam mit seinem Team in Amsterdam und Montreal ist der SEOshop Gründer bei Lightspeed für die (Weiter)Entwicklung von Lightspeed E-Commerce und Omnichannel verantwortlich.